Licht und Schatten

Europa und Afrika. Licht und Schatten da gibt es die geografischen Stationen der Reise. Köln. Marokko. Mauretanien. Mali. Burkina Faso. Niger. Tschad. Kamerun. Jedoch, der Künstler und Fotograf Klaus Wohlmann führt die Betrachter seiner Bilder nicht nur von einem Erdteil zum anderen, nicht nur von der alten Pilgerstadt am Rhein hin zu Ländern, durch die seit altersher Nomadenvölker ziehen. Sondern wer sich ihm im Geiste anschließt, den nimmt er mit auf eine Reise von Gesicht zu Gesicht. Oder vielmehr: von Profil zu Profil. Um noch genauer zu sein: Eine Galerie von Schattenrissen führt er seine imaginären Begleiter entlang. Denn Wohlmann macht zuhause und unterwegs auf seiner Motorrad-Expedition keine herkömmlichen Porträts, indem er seine Modelle frontal von vorne beleuchtet. Stattdessen bestrahlt er den seitlich gedrehten Kopf mit einer neuartigen Blitztechnik von hinten. Allerdings – auf diesen Ablichtungen im Sinn des Wortes ist nicht nur das Profil, auch der Hintergrund ist tintenschwarz. So wird allein die Silhouette zum Lockvogel der Blicke: eine filigrane, stellenweise sogar durchbrochene Linie aus Licht, fast so wie mittelalterliche Maler, nur plakativer, die Besonderheit mancher Figuren durch einen Heiligenschein illustrierten.

Jedes Porträt, auf diese Feststellung legt Wohlmann Wert, geht aus einer Begegnung, einem Gespräch hervor, wobei seine tatsächliche Reisegefährtin Isa Wohlmann die Kontakte zu Frauen knüpft. Wo die Reisenden und ihre Modelle Wort und Blick wechseln, ist durch das globale Navigationssatellitensystem GPS genau verortet. Aber wohlgemerkt, dieser GPS-Punkt spiegelt nur den Längen- und Breitengrad des Aufeinandertreffens wider. Die Herkunft oder das Ziel der Darsteller, ihr Woher oder Wohin bleiben im Ungewissen. Und so wie Gesprächspartner die Person ihres Gegenübers und seine Mitteilungen aus Mosaiksteinen von Eindrücken und Mutmaßungen für sich zusammenstückeln, so müssen erst recht die Betrachter dieser Fotos sich ein Bild aus Andeutungen machen. Denn Wohlmanns Scherenschnitt-Methode stellt viele Wesenszüge in den Schatten – jene zumindest, die man bisher wahrzunehmen gewohnt war. Dafür bringt der Faden aus Lichtpünktchen um so profilierter das bisher Unbeachtete zum Vorschein, rückt eine andere, sonst verschwiegene und getarnte Wirklichkeit ins Licht.

Die Konturen eines Kindes, glaubt man, lassen sich leicht von denen eines Erwachsenen unterscheiden. Auch ob man eine Frau oder einen Mann vor sich hat, meint man erkennen zu können, selbst wenn aus dem beigefügten Namen das Geschlecht nicht zu entschlüsseln wäre. Oder, halt ... hat man sich vielleicht doch von den eigenen Spekulationen aufs Glatteis führen lassen? Unversehens gerät der Betrachter ins Grübeln, verirrt sich auf diesem Terrain ohne Nuancen und Schattierungen immer tiefer in der Nebelzone des Rätselratens: Jung oder alt? Schwarz oder Weiß? Und unwillkürlich fragt man sich, ob man wohl bei einer Probe aufs Exempel die illuminierten Umrisse seiner Liebsten herausfinden würde? 

Denn ganz und gar verschattet der Minimalismus die Augen, die sonst das Gesicht bewachen. Ebenso die Ohren, auf klassischen Fotos wie Antennen zum Empfang aufgestellt. Fast völlig von der Bildfläche verschwunden auch der Mund, nur noch schemenhaft das Aufgeworfene der Lippen. Kaschiert jegliche Mimik, zumal das gefällige Lächeln, das um Sympathie wirbt, ausgeknipst das Blendwerk von Wimperntusche oder Lidschatten. Aber ebenso von der Finsternis gnädig verschluckt die Wahrheit der Pickel, Glatzen, Fettsträhnen, Krähenfüße, Sorgenfalten, Zornesfurchen. Nein - diese Dunkelmänner und -frauen lassen sich ihre Maske nicht herunterreißen.

Dafür der Blickfang der Nase! Bei dem einen in Richtung Boden gesenkt wie eine Rutschbahn, auf der man hinuntersausen möchte, bei dem anderen markant in Richtung Himmel gestupst. Dafür das Haar! Zwar im Blitz nivelliert das Farbenspiel der Blondinen, Brünetten, Rotfüchse, Grauschöpfe, weggeschwärzt die Mogelei von Färbung und Tönung. Stattdessen allenfalls ein heller weicher Schleier, ein wenig flirrender Flaum, spärliche Fransen. Aber die haben es in sich! Im Schlaglicht bekommt das eigentlich tote organische Material ein Eigenleben: Es bauscht und kräuselt sich, sträubt und spreizt sich, es kreuzt sich und weicht sich aus, es weht und fliegt. Hier ein elegant gebogenes Bärtchen, dort ein frech hochgezwirbeltes Pony. Oben die Stirn, zurücktretend oder senkrecht, flach oder gewölbt. Unten das Kinn, mal stumpf fliehend, mal spitz ins Blinkern der hingetupften Lichterkette gereckt. Der Hals. Entweder breit und fest wie ein Stamm, auf dem die Baumkrone hockt, oder schmal wie ein Stängel, der kaum die Blüte hält. Alle Einzelmerkmale beherrscht das, was am längsten bleibt: der mächtige Schädel. Im Chor mit der normierten Blickrichtung suggeriert er: Irgendwann werden wir alle gleich sein. Und widerspricht dem sozusagen im selben Atemzug durch das Individuelle seiner Form. Die wiederum verbindet sich mit dem Ensemble dieses Schattentheaters aus Gewebe und Knochen zur unnachahmlichen Haltung des Einzelnen beim Klack! des Apparats.

Wohlmanns Bilder kann auch man als Sinn-Bilder verstehen, die auf das unselige historische und politische Beziehungsgeflecht zwischen Europa und Afrika verweisen. Einen Bruch mit der westlichen Kultur, die traditionell vom Rechts geprägt ist, setzt er dadurch in Szene, dass die Modelle dem Betrachter die linke Gesichtshälfte zuwenden: Mit unsichtbaren Augen schauen sie im Gegenlicht gegen den Strich, gegen den Schreibfluss - weg von rechter Ideologie dorthin, wo vielleicht ein Herz für die Utopie gleicher Rechte schlägt. Einhellig dominiert das Dunkle auf diesen Fotos, die, obwohl schwarz-weiß, im Lichtkegel dennoch Schwarz oder Weiß vertuschen – wenn nicht immer die ethnischen Merkmale, dann jedenfalls die Hautfarbe. Mit dem etwas flapsigen Begriff „Schokoladenseite“ bezeichnet man, zumal beim Porträt, die fotogene, die liebenswürdige Seite eines Menschen. Im Kippbild von Schatten- und Schokoladenseite – nebenbei: für das Luxusgut Kakao haben europäische Plantagenbesitzer einst Sklaven geschunden, heute ist es einer der wichtigsten Exportartikel Afrikas – scheint die Ambivalenz zwischen beiden Kontinenten auf: Noch immer werfen Rassismus und Kolonialismus ihre düsteren Schatten, die trotz nachhaltiger Entwicklungshilfe nur langsam verblassen. Fadenscheinig bleibt da der Trost, dass Schatten manchmal lebenswichtig ist in der gleißenden Sonne des dunklen Erdteils.

Dr. Angela Speth